Corminboeuf: Urbanes Leben auf dem Land

"Architekten, raus aus den Städten!", titelte die angesehene "NZZ" am 1. Dezember 2017. Die Zukunft entscheidet sich auf dem Land, war der Tenor, gestützt auf ein Interview mit dem international bekannten Architekten Rem Kohlhaas.

Gehen wir nach Corminboeuf westlich von Fribourg. "Corminboeuf war bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts ein vorwiegend durch die Landwirtschaft geprägtes Dorf", lesen wir im Internet-Lexikon Wikipedia. Heute ist es im Umbruch, im Umbau, im Aufbruch auch.

Die Architekten Roger Cottier, Ueli Zbinden, zusammen mit dem Architekturbüro Dominique Rosset SA bauen hier eine Siedlung. Einfamilienhaussiedlung im traditionellen Sinn kann man nicht sagen, denn da sind keine über die Landschaft verstreute freistehende Häuschen. Wer in die Siedlung hineingeht, schreitet durch Gassen, die an eine arabische Innenstadt erinnern. Wer auf den Terrassen steht, sieht in belebte Strassenzüge hinab. Immer mehr wird in neuen Planungsgesetzen eine neue Dichte vorgesehen. Und während es Menschen gibt, die beim Wort "Dichte" nur Betonwände sehen, gibt es andere, die wissen, dass sie gern durch Dorfkerne schreiten. Warum? Wegen der Dichte. Dichte ist auch Geborgenheit.

Schweizer Dörfer sind erstaunlich dichte Bebauungen. Nicht nur die berühmten geschachtelten Tessiner Dörfer wie etwa das wunderhübsche Arcegno bei Ascona. Auch unser Freiburger Bergdorf Jaun hat im Kern eine Dichte von 0.85, wie das Verhältnis von Bruttowohnfläche zu Baugrund in Zahlen ausgedrückt lautet. Die Bebauung von Cottier/Zbinden/Rosset in Corminboeuf weist eine Dichte von 0.75 auf. Das Quartier ist verkehrsfrei, sieht man von einer Erschliessungsstrasse ab, die zu den unterirdischen Garagen führt.

Das geschlossene Erscheinungsbild des Ortes löst sich bei genauem Hinsehen in überraschender Vielfalt auf. Schon beim Durchreiten erlebt man Abwechslung und überraschende Blickwinkel. Die Architekten erklären, dass sie mit 8 verschiedenen Volumen gearbeitet haben, und dass im Gebäudeinnern 20 verschiedene Typologien ausgearbeitet wurden. Hinzu kommen individuelle Anpassungen für die Käufer.

Verdichtet, aber nicht übermässig dicht, heisst das Rezept - und doch stehen in Corminboeuf tatsächlich Einfamilienhäuser, nicht etwa Reihenhäuser. Entstanden ist aber eine Einfamilienhaussiedlung neuer Art. "La Liberté" hatte in einem ganzseitigen Artikel am 14. November 2017 spekuliert, der neue kantonale Richtplan, der eine grössere Dichte verlangt, sei "der Tod der Villa": "Das Einfamilienhaus ist verurteilt", titelte sie. Corminboeuf ist die gebaute Widerlegung. Ähnliche Bauten wie in Corminboeuf werden sich auch bei einer Dichte gemäss neuem Richtplan verwirklichen lassen.

In der Neubausiedlung Corminboeuf lebt man einfamilienhausmässig auf dem Dorf und doch urban wie in der Stadt. Da wohnt niemand über und unter einem, aber man ist nicht einsam wie in mancher Einfamilienhaus-Zone. Da gibt es eine Nachbarschaft, die den Kontakt fördert, nur schon wegen der Kinder, die in den gemeinsamen Gassen spielen.

74 Häuser hat die Architektengruppe erstellt, vom günstigen Einfamilienhaus bis zur Luxus-Design-Villa, und ehe die Siedlung fertiggestellt ist, sind 50 Einheiten bereits verkauft. Die 18 Familien, die eingezogen sind, lassen viel Gutes hören. Und Besucherinnen und Besucher zeigen sich überrascht, irritiert und auch begeistert. Bis Ende 2020 sollen alle Häuser bezogen.

Es ist sicher, dass beide Seiten von dieser neuen Siedlung profitieren: Die Neuzuzüger und die alteingesessene Dorfbevölkerung. Denn die politische Gemeinde, die sich selber unlängst neue Strukturen gegeben hat, erhält einen Schub an frischer Energie. Die neue Siedlung ist keine Schlafstadt, sie ist kein Fremdkörper in der Landschaft. Wir wetten, es wird nicht lange gehen, bis sich Neuzuzüger in Vereinen und in der Politik regen werden und Vorschläge und Ideen einbringen. Das Dorfleben von Corminboeuf wird davon profitieren.